Startblock und Checkliste: Mit System in die LRS-Therapie starten
Für Therapeuten

LRS-Therapie starten: Evidenzbasierter Leitfaden

Ein neues Kind mit LRS-Diagnose kommt in Ihre Praxis. Die Eltern sind besorgt, das Kind oft demotiviert. Ob Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS) oder Legasthenie – die S3-Leitlinie der DGKJP gibt klare Empfehlungen für evidenzbasierte Förderung. Aber wie setzen Sie diese in der Praxis um?

Was die S3-Leitlinie empfiehlt

Die S3-Leitlinie zur Diagnostik und Förderung der DGKJP ist der evidenzbasierte Goldstandard. Die Kernempfehlungen für die Therapie:

Für die Leseleistung

  • Systematische Instruktion der Buchstabe-Laut-Korrespondenzen
  • Training der Buchstabe-Silben-Synthese
  • Aufbau von Morphemsynthese

Für die Rechtschreibleistung

  • Systematische Instruktion der Laut-Buchstabe-Korrespondenzen
  • Übungen zur Laut-Silben-Analyse
  • Training orthografischer Regelmäßigkeiten

„Eine LRS liegt vor, wenn frühe Phasen des Schriftspracherwerbs nicht vollständig durchlaufen wurden. Die Betroffenen bleiben auf einer bestimmten Spracherwerbsstufe stehen."

– S3-Leitlinie DGKJP

Die psychologische Komponente nicht unterschätzen

40 bis 60 Prozent der Kinder mit LRS leiden unter psychischen Begleitsymptomen: Ängstlichkeit, Traurigkeit, verringerte Aufmerksamkeit. Diese müssen in der Therapie mitadressiert werden.

Evidenzbasierte Ziele der psychologischen Arbeit:

  • Realistisches Selbstkonzept: Das Kind versteht, dass LRS keine Frage der Intelligenz ist
  • Vertrauen in eigene Fähigkeiten: Erfolgserlebnisse systematisch aufbauen
  • Abbau negativer Emotionen: Lernangst und Frustration reduzieren

Spielerische Formate sind hier besonders wertvoll: Sie entkoppeln Lesen von der Prüfungssituation und ermöglichen Erfolgserlebnisse ohne Bewertungsdruck.

Phase 1: Diagnostik und Standortbestimmung

Bevor Sie mit der Therapie beginnen, brauchen Sie ein klares Bild des Ist-Zustands:

Unterlagen sichten

  • Schulzeugnisse der letzten 2 Jahre
  • Vorhandene LRS-Diagnostik (ICD-10 Klassifikation)
  • Dokumentation bisheriger Fördermaßnahmen
  • Ggf. Berichte von Ergotherapie, Logopädie

Eigene Eingangsdiagnostik

Auch bei vorliegender Diagnose sollten Sie den aktuellen Stand erfassen:

  • Leseflüssigkeit: Wörter pro Minute, Fehlertypen
  • Phonologische Bewusstheit: Anlaute, Vokale, Silbensegmentierung
  • Entwicklungsstufe: Auf welcher Erwerbsstufe ist das Kind stehen geblieben?

Erstgespräch mit Eltern

  • Lernverhalten zu Hause (Vermeidung? Widerstand?)
  • Familiäre Vorbelastung (LRS ist genetisch beeinflusst)
  • Erwartungen und Sorgen der Eltern
  • Ressourcen für häusliche Übung

Phase 2: Therapieziele nach SMART definieren

Vage Ziele wie „besser lesen" helfen niemandem. Formulieren Sie für die ersten 10 Sitzungen konkrete SMART-Ziele:

Kriterium Beispiel
Spezifisch Vokalerkennung in einsilbigen Wörtern (a, e, i, o, u)
Messbar 80% korrekte Zuordnung bei 20 Wörtern
Attraktiv Kind versteht: „Wenn du die Vokale hörst, kannst du bei Wortmaumau gewinnen"
Realistisch In 10 Sitzungen erreichbar, basierend auf Diagnostik
Terminiert Überprüfung nach 5 Wochen, Anpassung wenn nötig

Typische Ziele nach Entwicklungsstufe

Bei fehlender Buchstabe-Laut-Zuordnung:

  • Alle Buchstaben sicher den Lauten zuordnen können
  • Anlaute in Wörtern heraushören

Bei stockendem Zusammenlauten:

Bei fehlender Leseflüssigkeit:

  • Sichtwortschatz um 30 Wörter erweitern
  • Lesegeschwindigkeit um 10 WpM steigern

Phase 3: Material evidenzbasiert auswählen

Die S3-Leitlinie empfiehlt evaluierte Therapieprogramme mit wissenschaftlich gesicherten Effektivitätsstudien. Aber auch innerhalb dieser Programme gilt: Das beste Material nützt nichts, wenn das Kind die Motivation verliert.

Zwei Auswahlkriterien

  1. Passt zum Förderschwerpunkt
    • Phonologische Bewusstheit → Reimspiele, Anlautübungen
    • Sichtwortschatz → Blitzlesen, Kartenspiele
    • Leseflüssigkeit → Tandem-Lesen, wiederholtes Lesen
  2. Ermöglicht hohe Wiederholungsrate
    • Spiele > Arbeitsblätter (mehr Durchgänge, weniger Widerstand)
    • Ziel: 50+ Wortbegegnungen pro Einheit

Praxistipp: Kartenspiele wie Wortmaumau erreichen 50–80 Lesedurchgänge pro Runde. Gleichzeitig können Sie beobachten: Welche Fehler macht das Kind? Wo stockt es? Das ist diagnostisch wertvoll.

Phase 4: Elternarbeit strukturieren

Therapie findet einmal pro Woche statt – der Alltag siebenmal. Ohne Elternarbeit verpufft der Großteil des Therapieeffekts.

Das Transferproblem lösen

Viele Eltern bekommen komplexe Übungsanweisungen, die im Alltag nicht funktionieren. Die Lösung: Einfache Tools, die Eltern sofort anwenden können.

  • Routine statt Vorsätze: Feste Übungszeit vereinbaren (z.B. 15 Min. nach dem Abendessen)
  • Spielen statt üben: Ein Kartenspiel ist leichter durchzuhalten als Arbeitsblätter
  • Eltern anleiten: In einer Sitzung gemeinsam spielen, damit Eltern die Methode verstehen
  • Erfolgskontrolle: Wöchentliche Kurz-Rückmeldung (was hat geklappt, was nicht)

Typische Hindernisse antizipieren

  • „Keine Zeit": 15 Minuten sind machbar – weniger ist mehr als nichts
  • „Wird zum Streit": Spiele statt Schulcharakter, kein Korrigieren
  • „Kind verweigert": Intrinsische Motivation durch Spielerfolg aufbauen

Kostenübernahme: Was Eltern wissen müssen

Krankenkasse: LRS-Therapie wird nicht von gesetzlichen Krankenkassen übernommen, da LRS keine Krankheit im Sinne des SGB V ist.

Jugendamt (§35a SGB VIII): Wenn eine „seelische Behinderung" droht oder vorliegt, kann das Jugendamt die Kosten übernehmen. Voraussetzung: Fachärztliche Stellungnahme, dass ohne Therapie die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben gefährdet ist.

Tipp für Elternberatung: Informieren Sie frühzeitig über diese Möglichkeit. Der Antrag beim Jugendamt braucht Zeit.

Zusammenfassung: Ihre Checkliste

  • ☐ Diagnostik vollständig gesichtet und eigene Eingangsdiagnostik durchgeführt
  • ☐ Entwicklungsstufe identifiziert – wo ist das Kind stehen geblieben?
  • ☐ SMART-Ziele für die ersten 10 Sitzungen formuliert
  • ☐ Psychologische Begleitsymptome erfasst und adressiert
  • ☐ Evaluiertes, motivierendes Material ausgewählt
  • ☐ Eltern-Coaching vorbereitet mit einfachen Tools für zuhause
  • ☐ Kostenübernahme geklärt (Selbstzahler oder §35a)
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Ein Kartenspiel, das Kinder freiwillig spielen – und dabei lesen üben. Entwickelt von einer Lerntherapeutin.