Jedes Kind ist anders. Diese Binsenweisheit kennt jeder, der in der Lerntherapie arbeitet – aber sie bekommt erst Bedeutung, wenn man erlebt, wie unterschiedlich Kinder auf dasselbe Material reagieren. Die folgenden drei Fallbeispiele zeigen, wie Wortmaumau in der Praxis wirkt. Nicht als Wundermittel, sondern als Werkzeug, das manchmal genau das Richtige ist.
Ich setze Wortmaumau seit über 15 Jahren in meiner Praxis ein – vor allem bei Kindern mit Leseverweigerung, mangelnder Lesemotivation, LRS (Legasthenie) und Konzentrationsproblemen. Die drei Beispiele zeigen typische Konstellationen, die mir in der Therapie immer wieder begegnen. Typische Therapieziele dabei: Lesemotivation aufbauen, Leseflüssigkeit verbessern, genaue Worterkennung trainieren und Konzentration beim Lesen fördern.
Hinweis: Die Namen wurden geändert, die Geschichten sind echt. Sie stammen aus meiner eigenen Praxis und aus Berichten von Kolleginnen, die Wortmaumau einsetzen.
Fall 1: Lukas (8) – Leseverweigerung und negatives Selbstbild
Ausgangssituation
Lukas kam in die dritte Klasse und konnte noch nicht flüssig lesen. Nicht, weil ihm die Fähigkeit fehlte – sondern weil er aufgegeben hatte. Zwei Jahre Misserfolge in der Schule hatten ihre Spuren hinterlassen. Wenn ich ihm ein Arbeitsblatt hinlegte, sagte er als erstes: "Das kann ich nicht." Noch bevor er es sich angeschaut hatte.
Seine Mutter berichtete von täglichen Tränen bei den Hausaufgaben. Lesen war zum Kampffeld geworden. Der Kinderarzt hatte eine auditive Verarbeitungsstörung diagnostiziert, die das Lesen erschwerte – aber das eigentliche Problem war das zerstörte Selbstbild.
Der erste Versuch
In der zweiten Therapiestunde legte ich Wortmaumau auf den Tisch. "Magst du Mau-Mau?" fragte ich beiläufig. Lukas nickte. "Dann spielen wir jetzt eine Version mit Wörtern." Der kritische Blick kam sofort: "Muss ich da lesen?" – "Ja, aber du musst nicht gewinnen."
Wir starteten mit einem reduzierten Kartensatz: nur zweisilbige Wörter, die er bereits aus der Schule kannte. Die ersten drei Runden las ich jede Karte vor, die er ablegte – ohne dass er es musste. Er hörte zu, sah die Wörter, und wenn er wollte, sprach er nach. Kein Druck, kein Bewerten.
Der Wendepunkt
In der fünften Stunde passierte es. Lukas zog eine Karte, schaute darauf, und bevor ich etwas sagen konnte, murmelte er: "Apfel." Er hatte das Wort selbst gelesen. Nicht weil er musste, sondern weil er wissen wollte, was auf der Karte stand.
Ich machte keinen großen Fall daraus – das hätte ihn nur verunsichert. Aber innerlich jubelte ich. Von da an las er immer öfter selbst, erst zögerlich, dann selbstverständlicher. Nach acht Wochen war Wortmaumau sein Lieblingsspiel. Nicht weil er darin gut war, sondern weil Lesen dabei keine Bedrohung war.
Was hat gewirkt?
Für Lukas war der Spielkontext entscheidend. Er konnte nicht verlieren, weil Verlieren zum Spiel dazugehört. Anders als bei Arbeitsblättern gab es kein "richtig" oder "falsch" – nur Karten, die man ablegt. Das nahm den Druck und gab ihm die Möglichkeit, Lesen neu zu erleben.
Fall 2: Mila (7) – Raten statt Lesen, fehlendes Leseverständnis
Ausgangssituation
Mila war das Gegenteil von Lukas. Sie las alles, was ihr in die Finger kam – aber sie las falsch. Wörter wurden geraten statt erlesen, Endungen verschluckt, ähnliche Wörter verwechselt. "Hund" wurde zu "Hand", "Sonne" zu "Sommer". Ihr Lesetempo war beeindruckend, ihr Leseverständnis katastrophal. Der Sichtwortschatz war nicht gefestigt – sie erkannte Wörter nicht wieder, sondern konstruierte sie jedes Mal neu.
Die Lehrerin hatte Mila als "gute Leserin" eingestuft, weil sie so flüssig klang. Erst als die Verständnisfragen im Deutschunterricht kamen, fiel auf, dass Mila die Texte gar nicht verstand. Sie hatte gelernt, Lesen zu simulieren.
Die Intervention
Für Mila musste Lesen langsamer werden. Das klingt paradox – aber schnelles, ungenaues Lesen ist schwerer zu korrigieren als langsames, buchstabierendes Lesen. Ich führte eine Regel ein: Bei Wortmaumau darf man eine Karte erst ablegen, wenn man das Wort richtig vorgelesen hat. Nicht schnell – richtig.
Die ersten Stunden waren frustrierend für Mila. Sie wollte gewinnen und verstand nicht, warum ich sie korrigierte. "Das hab ich doch gesagt!" – "Du hast 'Maus' gesagt, aber da steht 'Haus'." Langsam begann sie, genauer hinzuschauen.
Der Durchbruch
Nach etwa sechs Wochen begann Mila, sich selbst zu korrigieren. Sie zog eine Karte, las "Fisch–", stutzte, schaute nochmal, und sagte: "Nein, Tisch." Dieser Moment der Selbstkorrektur war der eigentliche Erfolg. Sie hatte gelernt, ihrem ersten Impuls zu misstrauen.
Heute liest Mila langsamer als früher – und versteht, was sie liest. Ihre Noten haben sich verbessert, weil sie Aufgabenstellungen jetzt wirklich erfasst.
Was hat gewirkt?
Das Spielformat machte die Korrektur erträglich. Wenn ich Mila bei einem Arbeitsblatt jedes falsch gelesene Wort angestrichen hätte, wäre sie demotiviert gewesen. Im Spiel war die Korrektur Teil der Regel – kein persönliches Versagen, sondern eine Spielmechanik.
Fall 3: Ben (9) – ADHS und Konzentrationsprobleme beim Lesen
Ausgangssituation
Ben hatte ADHS – diagnostiziert, medikamentiert, aber trotzdem eine Herausforderung. Klassische Leseübungen funktionierten bei ihm nicht. Nach zwei Minuten rutschte er auf dem Stuhl, nach fünf Minuten war er unter dem Tisch. Seine Konzentrationsspanne war zu kurz für strukturierte Übungen.
Seine Lesefähigkeit war dem Alter entsprechend – das Problem war nicht das Können, sondern das Dranbleiben. Ben las ein Wort, schaute aus dem Fenster, las das nächste Wort, und hatte vergessen, was er gerade gelesen hatte.
Die Anpassung
Mit Ben spielte ich Wortmaumau im Stehen. Klingt verrückt, funktioniert. Die Karten lagen auf einem hohen Tisch, Ben durfte sich bewegen, durfte zappeln, durfte zwischen den Zügen einen Ball kneten. Die einzige Regel: Beim Lesen steht er still und schaut auf die Karte.
Außerdem spielten wir in kurzen Runden. Sobald jemand fünf Karten abgelegt hatte, war die Runde vorbei. Dann Pause, Ball werfen, neue Runde. Drei Minuten Konzentration, zwei Minuten Bewegung, wieder drei Minuten Konzentration.
Das Ergebnis
Ben liebte Wortmaumau – nicht wegen des Lesens, sondern wegen des Gewinnens. Der Wettbewerbscharakter aktivierte sein Belohnungssystem, und plötzlich war er bereit, sich anzustrengen. Nach einigen Wochen konnte er auch längere Runden durchhalten, weil sein Gehirn gelernt hatte, dass sich Konzentration lohnt.
Die Leseflüssigkeit verbesserte sich als Nebeneffekt. Ben liest heute immer noch nicht gern, aber er kann es. Und manchmal, wenn er gewinnt, vergisst er sogar, dass er dabei gelesen hat.
Was hat gewirkt?
Bei Ben war das Spielformat nicht nur hilfreich, sondern notwendig. Die natürliche Spannung eines Spiels – Wer gewinnt? Was kommt als nächstes? – hielt seine Aufmerksamkeit besser als jede Aufforderung, sich zu konzentrieren. Das Spiel lieferte die Struktur, die sein Gehirn brauchte.
Zusammenfassung: Drei Kinder, drei Ansätze
| Kind | Problem | Anpassung | Ergebnis |
|---|---|---|---|
| Lukas (8) | Negatives Selbstbild, Leseverweigerung | Kein Druck, optionales Vorlesen | Lesen als positive Erfahrung, weniger Hausaufgabenkämpfe |
| Mila (7) | Raten statt Lesen, kein Verständnis | Genauigkeits-Regel, Entschleunigung | Selbstkorrektur, bessere Deutschnoten |
| Ben (9) | ADHS, Konzentrationsprobleme | Spielen im Stehen, kurze Runden | Längere Konzentrationsspanne, auch in der Schule beobachtet |
Was diese Fälle gemeinsam haben
Lukas, Mila und Ben hatten unterschiedliche Probleme. Aber alle drei hatten eines gemeinsam: Mit klassischen Methoden waren sie nicht zu erreichen. Das lag nicht an den Methoden – Arbeitsblätter und strukturierte Übungen sind wirksam. Aber sie setzen etwas voraus, das diese Kinder nicht mitbrachten: die Bereitschaft, sich auf Leseübungen einzulassen.
In meiner Praxis sind Kinder wie Lukas, Mila und Ben kein Ausnahmefall – etwa jedes dritte Kind kommt mit einem ähnlichen Muster. Insgesamt habe ich in über 20 Jahren Lerntherapie mehrere hundert Kinder mit Wortmaumau begleitet. Die drei Geschichten stehen stellvertretend für viele ähnliche Verläufe.
Wortmaumau hat den Zugang geöffnet. Nicht als Ersatz für systematische Förderung, sondern als Türöffner. Sobald die Kinder positive Leseerfahrungen gemacht hatten, konnten auch andere Methoden greifen.
Wann Wortmaumau nicht die Lösung ist
Ehrlichkeit gehört dazu: Nicht jedes Kind profitiert von diesem Ansatz. Kinder mit schwerer visueller Wahrnehmungsstörung brauchen zuerst Übungen auf Buchstabenebene – hier kann die phonologische Bewusstheit gezielt trainiert werden. Kinder mit Artikulationsproblemen können durch lautes Vorlesen im Spiel beschämt werden. Und Kinder, die Spiele generell ablehnen, erreicht man so nicht.
Als Therapeutin muss ich bei jedem Kind neu entscheiden, welches Werkzeug passt. Wortmaumau ist ein gutes Werkzeug – aber eben nur eines von vielen.
Fazit: Der Mensch vor der Methode
Die drei Fallbeispiele zeigen, was gute Therapie ausmacht: nicht das Material, sondern die Passung. Lukas brauchte Druckentlastung, Mila brauchte Entschleunigung, Ben brauchte Bewegung. Wortmaumau konnte in allen drei Fällen helfen – aber nur, weil es entsprechend angepasst wurde.
Wenn Sie als Therapeutin oder Therapeut überlegen, Wortmaumau einzusetzen: Probieren Sie es aus. Nicht als Standardmethode für alle, sondern als Option für Kinder, bei denen klassische Wege nicht greifen. Manchmal macht ein Kartenspiel den Unterschied.