Lächelndes Kind klatscht Silben am Tisch, Wortmaumau-Silbenkarten liegen bereit
Für Therapeuten

Phonologische Bewusstheit fördern: Übungen, Spiele & Praxistipps

In der Leseforschung gilt sie als der wichtigste Einzelprädiktor für den Leseerfolg: die phonologische Bewusstheit. Defizite in diesem Bereich sind eine Hauptursache für LRS (Legasthenie). Wer versteht, was dahinter steckt, kann Kinder gezielter fördern – und Leseschwierigkeiten oft verhindern.

Was ist phonologische Bewusstheit?

Phonologische Bewusstheit bezeichnet die Fähigkeit, die Lautstruktur der gesprochenen Sprache bewusst wahrzunehmen und mit ihr zu operieren. Es geht nicht darum, was gesagt wird (Bedeutung), sondern wie es klingt (Form).

Die Forschung unterscheidet zwei Ebenen:

Im weiteren Sinne: Silben und Reime

Diese Fähigkeiten entwickeln sich meist spontan im Vorschulalter:

  • Silben erkennen: „Scho-ko-la-de" hat vier Silben (→ Mehr zur Silbenmethode)
  • Reimen: „Maus" reimt sich auf „Haus"
  • Wörter in Sätzen erkennen: „Mama kauft Brot" besteht aus drei Wörtern

Im engeren Sinne: Phoneme (Laute)

Diese Fähigkeiten erfordern meist explizite Anleitung und entwickeln sich typischerweise mit dem Schuleintritt:

  • Anlaute erkennen: „Ball" beginnt mit /b/
  • Laute heraushören: Welchen Vokal hörst du in „Hand"?
  • Laute verbinden: /m/ + /a/ + /n/ ergibt „Mann"
  • Laute manipulieren: Was bleibt von „Blume" ohne /l/?

„Je kleiner die sprachliche Einheit, mit der operiert werden soll, desto schwieriger ist die Aufgabe. Silben erkennen ist leichter als einzelne Phoneme zu isolieren."

– Küspert & Schneider, Würzburger Trainingsprogramm
flowchart TD
    subgraph weiterer["Im weiteren Sinne"]
        A["🗣️ Sätze in Wörter"]
        B["👏 Silben klatschen"]
        C["🎵 Reime erkennen"]
    end
    subgraph engerer["Im engeren Sinne"]
        D["🔤 Anlaute hören"]
        E["👂 Vokale erkennen"]
        F["🧩 Laute verbinden"]
    end
    A --> B --> C --> D --> E --> F
    style weiterer fill:#e8f4f8,stroke:#1a4b8c
    style engerer fill:#fff3e0,stroke:#f5a623
                    
Die Entwicklung verläuft von großen zu kleinen sprachlichen Einheiten

Entwicklungslogik: Kinder, die zuerst auf größere Einheiten (Silben, Reime) aufmerksam werden, entwickeln danach leichter ein Gespür für kleinere Einheiten (Phoneme) – das macht frühe Förderung so wertvoll.

Warum ist phonologische Bewusstheit so wichtig?

Um lesen zu lernen, muss ein Kind verstehen, dass Buchstaben für Laute stehen. Dieses „alphabetische Prinzip" ist der Schlüssel zur Schrift. Ohne phonologische Bewusstheit bleibt die Verbindung zwischen Buchstaben und Lauten ein Rätsel.

Die Forschungslage ist eindeutig:

  • Phonologische Bewusstheit im Kindergarten sagt Leseleistungen in der Grundschule vorher
  • Kinder mit Defiziten haben ein erhöhtes Risiko für LRS
  • Gezielte Förderung verbessert nachweislich den späteren Leseerwerb
  • Die Effekte sind besonders stark, wenn vor Schuleintritt trainiert wird

Eine Metaanalyse deutschsprachiger Studien (Fischer & Pfost, 2015) bestätigt: Trainings der phonologischen Bewusstheit im Kindergarten zeigen höhere Transfereffekte auf spätere Lese- und Rechtschreibleistungen als Programme, die erst in der ersten Klasse beginnen.

Das Würzburger Trainingsprogramm: Der Goldstandard

Das bekannteste evaluierte Förderprogramm ist „Hören, lauschen, lernen", entwickelt von Prof. Wolfgang Schneider und Dr. Petra Küspert an der Universität Würzburg.

Das Programm umfasst 57 Sprachspiele, verteilt auf 20 Wochen im letzten Kindergartenhalbjahr (täglich 10–15 Minuten). Die Progression folgt dem Entwicklungsverlauf:

  1. Lauschspiele – Aufmerksamkeit für Geräusche und Klänge
  2. Reime – Ähnlich klingende Wortenden erkennen
  3. Silben – Wörter in Sprecheinheiten gliedern
  4. Anlaute – Erste Laute im Wort heraushören
  5. Phoneme – Einzelne Laute erkennen und verbinden

Mehrjährige Studien zeigen: Kinder, die das Training durchlaufen haben, zeigen signifikant bessere Lese- und Rechtschreibleistungen bis in die Grundschulzeit hinein – mit mittleren bis großen Effektstärken. Auch Kinder mit Migrationshintergrund profitieren gleichermaßen.

Phonologische Bewusstheit im Alltag fördern

Die gute Nachricht: Viele Aktivitäten, die phonologische Bewusstheit trainieren, lassen sich spielerisch in den Alltag integrieren – ohne Arbeitsblattstapel und Prüfungscharakter.

Übungen für zu Hause

  • Reimspiele: „Ich sehe was, was du nicht siehst, und das reimt sich auf Taus" (Maus)
  • Silbenklatschen: Namen klatschen, Tiere klatschen, Lieblingsspeisen klatschen
  • Anlaut-Spiele: „Ich packe meinen Koffer und nehme mit... alles was mit A anfängt"
  • Wörterketten: Ein Wort nennen, das mit dem letzten Laut des vorherigen beginnt
  • Robotersprache: Wörter in Einzellaute zerlegen und wieder zusammensetzen

In der Therapie und Förderung

In der lerntherapeutischen Praxis haben sich strukturierte Spielformate bewährt, die mehrere Vorteile bieten:

  • Motivation: Spielen aktiviert das Belohnungssystem – Lernen wird positiv besetzt
  • Wiederholung ohne Langeweile: Kartenspiele ermöglichen viele Durchgänge
  • Fehlertoleranz: Im Spiel sind Fehler Teil des Prozesses, nicht Versagen
  • Automatisierung: Durch häufiges Wiederholen werden Prozesse schneller und sicherer

Wie Wortmaumau phonologische Bewusstheit trainiert

Das Kartenspiel Wortmaumau wurde von einer ausgebildeten Lerntherapeutin entwickelt und wird seit über 15 Jahren in Praxis, Schule und Familie eingesetzt. Es nutzt das bekannte Mau-Mau-Prinzip für gezieltes Training der phonologischen Bewusstheit im engeren Sinne.

Das Spielprinzip

Auf jeder Karte steht ein einsilbiges Substantiv (z.B. „Hand", „Berg", „Milch"). Eine Karte darf abgelegt werden, wenn sie:

  • denselben Vokal enthält wie die ausliegende Karte, ODER
  • denselben Anfangsbuchstaben hat

So passt „Hand" auf „Bank" (gleicher Vokal A), und „Milch" auf „Mund" (gleicher Anlaut M).

Was dabei trainiert wird

1. Vokalerkennung (phonologische Bewusstheit im engeren Sinne)
Um zu entscheiden, ob eine Karte passt, muss das Kind den Vokal im Wort identifizieren. Das erfordert aktives Hinhören auf die Lautstruktur – genau das, was Leseanfänger brauchen.
Beispiel: „Hand" passt auf „Bank" – beide haben ein A. „Berg" passt auf „Nest" – beide haben ein E.

2. Anlauterkennung
Die Alternative – gleicher Anfangsbuchstabe – trainiert das Heraushören von Anlauten, eine weitere zentrale Komponente der phonologischen Bewusstheit.
Beispiel: „Milch" passt auf „Mund" – beide beginnen mit M. „Turm" passt auf „Topf" – beide beginnen mit T.

3. Automatisierung
In einer Spielrunde werden dutzende Wörter gelesen und phonologisch analysiert – ohne dass es sich wie Übung anfühlt. Die hohe Wiederholungszahl führt zur Automatisierung, die für flüssiges Lesen entscheidend ist.

flowchart TD
    A["🃏 Karte ziehen"] --> B["📖 Wort lesen"]
    B --> C{"🤔 Passt die Karte?"}
    C -->|"Gleicher Vokal?"| D["👂 Vokal heraushören"]
    C -->|"Gleicher Anlaut?"| E["🔤 Anlaut erkennen"]
    D --> F["✅ Karte ablegen"]
    E --> F
    F --> G["🔁 Wiederholen"]
    G --> A
    style A fill:#1a4b8c,color:#fff
    style F fill:#2d6bb5,color:#fff
    style D fill:#f5a623,color:#fff
    style E fill:#f5a623,color:#fff
                    
Bei jedem Spielzug wird phonologische Bewusstheit aktiv trainiert

„Spiele sind ein Bestandteil integrativer Lerntherapie. Damit lassen sich Lernziele erreichen, Fähigkeiten vertiefen und Prozesse automatisieren."

– Susanne Seyfried, Lerntherapeutin

Für die Praxis: Einsatzmöglichkeiten

In der Lerntherapie

  • Als Aufwärmübung zu Beginn der Stunde
  • Zur Auflockerung zwischen konzentrativen Übungsphasen
  • Als Belohnung am Ende der Sitzung
  • Für Hausaufgaben mit Eltern oder Geschwistern

Im Förderunterricht

  • Kleingruppen bis 4 Kinder
  • Differenzierung durch Spielvarianten (nur Vokale, nur Anlaute, Speedy-Mau-Mau)
  • Gut kombinierbar mit anderen Silbenübungen

Zu Hause

Zusammenfassung: Die wichtigsten Punkte

  • Phonologische Bewusstheit ist der beste Prädiktor für späteren Leseerfolg
  • Man unterscheidet weiteren Sinn (Silben, Reime) und engeren Sinn (Phoneme)
  • Defizite erhöhen das Risiko für LRS
  • Gezielte Förderung ist wissenschaftlich belegt wirksam
  • Spielerische Formate ermöglichen Wiederholung ohne Frust
  • Wortmaumau trainiert Vokal- und Anlauterkennung im Spielformat

Ob in der Therapie, im Förderunterricht oder zu Hause: Die Investition in phonologische Bewusstheit zahlt sich aus – für einen leichteren Einstieg ins Lesen und mehr Freude an der Sprache.

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