Ein Kind kann alle Buchstaben, liest aber stockend und mühsam? Dann fehlt es oft nicht am Wissen, sondern an Leseflüssigkeit. Diese Schlüsselkompetenz entscheidet darüber, ob Lesen Freude macht oder Qual bleibt.
Was ist Leseflüssigkeit?
Leseflüssigkeit (englisch: reading fluency) bezeichnet die Fähigkeit, Texte genau, automatisiert und mit angemessener Geschwindigkeit zu lesen. Sie ist die Brücke zwischen dem mühsamen Entschlüsseln einzelner Wörter und dem verstehenden Lesen.
Die Forschung definiert vier Komponenten:
- Dekodiergenauigkeit: Wörter werden korrekt gelesen
- Automatisierung: Das Lesen erfordert kaum noch bewusste Anstrengung
- Lesegeschwindigkeit: Angemessenes Tempo (nicht zu langsam, nicht zu hastig)
- Prosodie: Betonung, Rhythmus und Ausdruck beim Vorlesen
flowchart TD
A["📖 Leseflüssigkeit"] --> B["✓ Dekodiergenauigkeit"]
A --> C["⚡ Automatisierung"]
A --> D["🏃 Lesegeschwindigkeit"]
A --> E["🎭 Prosodie"]
B --> F["🧠 Leseverständnis"]
C --> F
D --> F
E --> F
style A fill:#1a4b8c,color:#fff
style F fill:#f5a623,color:#fff
Warum ist Leseflüssigkeit so wichtig?
Stellen Sie sich vor, Sie müssten jeden Buchstaben einzeln entschlüsseln. Bis Sie am Satzende ankommen, haben Sie den Anfang vergessen. Genau das passiert Kindern mit mangelnder Leseflüssigkeit.
„Leseflüssigkeit ist das Nadelöhr zum Leseverständnis. Erst wenn das Dekodieren automatisiert ist, werden kognitive Ressourcen frei für das Verstehen."
– Prof. Cornelia Rosebrock, Goethe-Universität Frankfurt
Die Forschung zeigt eindeutig:
- Leseflüssigkeit korreliert hoch mit dem Leseverständnis
- Kinder mit geringer Leseflüssigkeit vermeiden das Lesen – ein Teufelskreis
- Gezielte Förderung kann Leseflüssigkeit signifikant verbessern
- Die Effekte sind besonders stark bei schwachen Lesern
Die besten Methoden im Überblick
Alle wirksamen Methoden haben eines gemeinsam: Sie setzen auf wiederholtes Lautlesen mit Unterstützung. Die Forschung nennt das „Lautleseverfahren".
flowchart TD
subgraph partner["Mit Partner"]
A["👥 Tandemlesen"]
B["👨👩👧 Eltern-Kind-Lesen"]
end
subgraph gruppe["In der Gruppe"]
C["🎵 Chorisches Lesen"]
D["📚 Lesetheater"]
end
subgraph medien["Mit Medien"]
E["🎧 Lesen mit Hörbuch"]
F["📱 Lese-Apps"]
end
partner --> G["🎯 Ziel: Automatisierung"]
gruppe --> G
medien --> G
style G fill:#f5a623,color:#fff
Methode 1: Tandemlesen (Lautlesetandem)
Das Tandemlesen ist die am besten erforschte Methode zur Förderung der Leseflüssigkeit. Sie funktioniert in der Schule, in der Therapie und zu Hause.
So funktioniert es
- Tandem bilden: Ein stärkerer Leser (Trainer) und ein schwächerer Leser (Sportler) lesen gemeinsam
- Synchron lesen: Beide lesen denselben Text gleichzeitig laut vor
- Tempo anpassen: Der Trainer passt sich dem Tempo des Sportlers an
- Bei Fehlern: Der Trainer liest das Wort korrekt vor, der Sportler wiederholt es
- Solo-Phase: Bei sicherem Lesen gibt der Sportler ein Zeichen und liest allein weiter
Warum es wirkt
- Das Modell des Trainers gibt Sicherheit
- Sofortige Korrektur verhindert Fehlautomatisierung
- Wiederholtes Lesen fördert Automatisierung
- Erfolgserlebnisse steigern Motivation
Empfehlung: Mindestens 3x pro Woche, 15-20 Minuten. Die Texte sollten etwas über dem aktuellen Niveau des Kindes liegen.
Methode 2: Das Hamburger Leseband
Das Hamburger Leseband ist ein schulweites Konzept, das täglich 20 Minuten Lesezeit fest im Stundenplan verankert. Es eignet sich besonders für Grundschulen und Förderschulen.
Die drei Säulen
- Tägliche Lesezeit: 20 Minuten, fest im Stundenplan, nicht verhandelbar
- Lautleseverfahren: Tandemlesen, chorisches Lesen oder Lesetheater
- Dokumentation: Lesefortschritte werden regelmäßig erfasst
Studien zeigen: Schulen mit Leseband verbessern die Leseleistungen ihrer Schüler signifikant – besonders bei schwachen Lesern.
Methode 3: Chorisches Lesen
Beim chorischen Lesen liest die ganze Gruppe synchron denselben Text. Schwache Leser werden vom Chor „mitgetragen" und können sich am Lesefluss orientieren.
Varianten
- Echo-Lesen: Die Lehrkraft liest einen Satz vor, die Klasse wiederholt
- Wechsellesen: Abwechselnd liest die Lehrkraft und die Klasse
- Stimmen-Chor: Verschiedene Gruppen übernehmen verschiedene Rollen
Methode 4: Lesen mit Hörbuch (Lüneburger Modell)
Diese Methode kombiniert das gedruckte Buch mit dem Hörbuch. Das Kind liest mit dem Finger mit, während es die professionelle Lesung hört.
Die Wirkung
Eine Studie der Leuphana Universität Lüneburg zeigte: Hauptschüler konnten ihren Leserückstand von zwei Jahren innerhalb von sechs Wochen aufholen – allein durch tägliches Lesen mit Hörbuch.
- Das Hörbuch gibt das Lesetempo vor
- Korrekte Aussprache wird modelliert
- Die Geschichte motiviert zum Weiterlesen
- Besonders geeignet für ältere Schüler mit Leseproblemen
Methode 5: Sichtwortschatz aufbauen
Neben dem Lautlesen ist der Sichtwortschatz entscheidend für Leseflüssigkeit. Häufige Wörter sollten „auf einen Blick" erkannt werden, ohne sie Buchstabe für Buchstabe zu entschlüsseln.
Blitzlesen
Beim Blitzlesen werden Wörter nur kurz eingeblendet (ca. 1 Sekunde). Das Kind muss das Wort als Ganzes erfassen. Diese Methode trainiert die schnelle Worterkennung und eignet sich besonders für:
- Häufige Funktionswörter (der, die, das, und, ist, ...)
- Unregelmäßige Wörter, die nicht lautgetreu geschrieben werden
- Wörter mit schwierigen Buchstabenverbindungen
Kartenspiele für den Sichtwortschatz
Kartenspiele wie Wortmaumau trainieren den Sichtwortschatz spielerisch: Jede Karte zeigt ein Wort, das schnell erkannt werden muss. Durch die hohe Wiederholungszahl im Spiel automatisiert sich die Worterkennung – und das ohne Übungscharakter.
Leseflüssigkeit messen
Um Fortschritte zu dokumentieren, sollte die Leseflüssigkeit regelmäßig gemessen werden. Die gebräuchlichste Methode:
Wörter pro Minute (WpM)
- Das Kind liest einen unbekannten Text eine Minute lang laut vor
- Sie zählen die korrekt gelesenen Wörter
- Falsch gelesene Wörter werden abgezogen
Richtwerte für das Ende der Klassenstufe:
- Ende Klasse 1: ca. 30-40 WpM
- Ende Klasse 2: ca. 70-80 WpM
- Ende Klasse 3: ca. 100-110 WpM
- Ende Klasse 4: ca. 120-140 WpM
Tipps für die Praxis
In der Lerntherapie
- Diagnostik zuerst: Liegt das Problem bei der Dekodierung oder der Automatisierung? Bei Dekodierungsproblemen zunächst phonologische Bewusstheit fördern
- Methoden kombinieren: Tandemlesen + Sichtworttraining + Kartenspiele
- Fortschritte dokumentieren: Wöchentliche WpM-Messung motiviert
- Transfer sichern: Übungen für zu Hause mitgeben
Zu Hause
- Täglich 15 Minuten: Regelmäßigkeit schlägt Dauer
- Kein Druck: Lesen soll Spaß machen – mehr dazu in Hausaufgaben ohne Tränen
- Abwechslung: Comics, Zeitschriften, Spielanleitungen – alles zählt
- Vorbild sein: Lesen Sie selbst vor Ihrem Kind
Zusammenfassung: Die wichtigsten Punkte
- Leseflüssigkeit ist die Brücke zum Leseverständnis
- Wirksame Methoden setzen auf wiederholtes Lautlesen mit Unterstützung
- Tandemlesen ist die am besten erforschte Methode
- Sichtwortschatz-Training ergänzt das Lautlesen
- Regelmäßigkeit ist wichtiger als Dauer
- Kartenspiele wie Wortmaumau trainieren Worterkennung spielerisch
Worterkennung automatisieren – mit Spielspaß
Wortmaumau trainiert schnelle Worterkennung durch hohe Wiederholung im Spielformat. Ideal als Ergänzung zu Lautleseverfahren.
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