Klassenzimmer verwandelt sich in ein Brettspiel
Für Lehrkräfte

Lesespiele im Unterricht: Was Forschung sagt + Praxisleitfaden

Lautes Vorlesen vor der ganzen Klasse – für leseschwache Kinder oft der Beginn von Schulunlust. Lesespiele bieten einen anderen Weg: Die Spielhandlung steht im Vordergrund, das Lesen wird zur Nebensache. Was sagt die Forschung dazu?

Was die Forschung sagt

Spielbasiertes Lernen ist kein pädagogisches Wunschdenken – es gibt wissenschaftliche Evidenz für die Wirksamkeit.

Zentrale Forschungsergebnisse

  • Metaanalysen zeigen: Spielbasierte Ansätze haben positive Effekte auf Motivation und Lernleistung
  • Kognitive Fähigkeiten: Spielbasiertes Lernen fördert Wissenserwerb, Problemlösung und kritisches Denken
  • Nachhaltigkeit: Die Wissensspeicherung ist bei spielbasierten Formaten oft besser

„Ins Spiel versunken und vom spielerischen Ehrgeiz gepackt wird das Lesen für Kinder quasi zur Nebensache, während der Lerneffekt manchmal sogar ein größerer ist als bei expliziten Leseübungen."

Landesbildungsserver Baden-Württemberg

Das „Graceful Failure"-Prinzip

Ein zentrales Konzept aus der Game-Based-Learning-Forschung: Fehler werden nicht bestraft, sondern als Teil des Lernprozesses gesehen. Im Spiel ist es normal, eine Runde zu verlieren – das Kind probiert es einfach nochmal.

Dieser Unterschied zum klassischen Unterricht ist entscheidend: Beim lauten Vorlesen vor der Klasse wird ein Fehler zur Bloßstellung. Im Spiel ist er ein Spielzug, der eben nicht geklappt hat.

Warum Lesespiele besonders wirksam sind

1. Kein Bloßstellen vor der Klasse

In Partnerarbeit oder Kleingruppen ist lautes Lesen nicht mehr schambesetzt. Kinder unterstützen sich gegenseitig, statt zu bewerten. Das senkt die Hemmschwelle für leseschwache Kinder erheblich.

2. Hohe Wiederholungsrate

Ein Arbeitsblatt wird einmal bearbeitet. Ein Kartenspiel wie Wortmaumau liefert 50-80 Wortbegegnungen pro Runde – und das Kind will von sich aus weiterspielen.

3. Intrinsische Motivation

Das Belohnungssystem im Gehirn wird durch Spielen aktiviert. Der Ehrgeiz zu gewinnen treibt das Lesen an – nicht die Angst vor einer schlechten Note.

4. Natürliche Differenzierung

In heterogenen Spielgruppen helfen stärkere Leser automatisch den schwächeren. Das entlastet Sie als Lehrkraft und fördert soziales Lernen.

Praxis: So setzen Sie Lesespiele ein

Zeitfenster im Schulalltag

Zeitfenster Dauer Besonders geeignet für
Stundenende 10-15 Min. Belohnung nach konzentrierter Arbeit
Freiarbeit 15-20 Min. Selbstständiges Arbeiten in Kleingruppen
Vertretungsstunde 30-45 Min. Sinnvolle Beschäftigung ohne Vorbereitung
Förderunterricht 15 Min. Gezieltes Training mit Diagnostik-Möglichkeit
Lesezeit/Lesestunde 20 Min. Alternative zum stillen Lesen

Gruppen bilden: Heterogen ist besser

Die Forschung ist eindeutig: Heterogene Gruppen funktionieren besser als homogene. Starke und schwache Leser am selben Tisch sorgen für natürliche Unterstützung – ohne dass Sie als Lehrkraft ständig eingreifen müssen.

  • 3-4 Kinder pro Gruppe: Optimal für Kartenspiele
  • Feste Spielgruppen: Spart Organisationszeit, schafft Routine
  • DaZ-Kinder integrieren: Spielregeln sind universal verständlich
Schritt-für-Schritt

Einführung in 5 Minuten

So bringen Sie ein Lesespiel in Ihre Klasse – ohne großen Aufwand.

1

Kurze Demo im Plenum

Zeigen Sie 2-3 Spielzüge mit einem Kind als Partner. Erklären Sie nur das Grundprinzip – Details lernen die Kinder beim Spielen.

Bei Wortmaumau: „Du legst eine Karte, wenn der Anfangsbuchstabe ODER der Vokal gleich ist."
2

Spielleiter benennen

Pro Gruppe ein Kind als „Spielleiter" bestimmen. Diese Person erklärt Regeln, löst kleine Konflikte und holt Sie nur bei echten Problemen.

Wechseln Sie die Spielleiter-Rolle wöchentlich – das fördert Verantwortung.
3

Erste Runde begleiten

Gehen Sie durch die Gruppen, beantworten Sie Fragen, korrigieren Sie Missverständnisse. Nach 5 Minuten läuft es meist von selbst.

4

Beobachten & Notieren

Nutzen Sie die gewonnene Zeit für diagnostische Beobachtungen. Wer stockt? Wer hilft anderen? Wer vermeidet das Lesen?

Differenzierung ohne Mehraufwand

Ein gutes Lesespiel bietet automatisch Differenzierung:

Für schwächere Leser

  • Längere Zeit zum Lesen der Karten (keine Zeitbegrenzung)
  • Peer-Unterstützung durch Mitspieler
  • Kürzere Wörter als Einstieg (bei Wortmaumau alle einsilbig)

Für stärkere Leser

  • Spielvarianten mit Zeitdruck („Speedy-Mau-Mau")
  • Zusatzaufgabe: Vokal laut benennen
  • Spielleiter-Rolle mit mehr Verantwortung

Der diagnostische Mehrwert

Während die Kinder spielen, haben Sie freie Beobachtungszeit – nutzen Sie sie:

  • Leseflüssigkeit: Stockt das Kind? Liest es flüssig?
  • Fehlertypen: Verwechselt es bestimmte Buchstaben?
  • Konzentration: Wie lange bleibt das Kind bei der Sache?
  • Sozialverhalten: Wie geht es mit Gewinnen und Verlieren um?

„Ein Lesespiel zeigt in 15 Minuten mehr über die Lesefähigkeit als viele Tests – weil das Kind entspannt ist und sich nicht beobachtet fühlt."

Was Sie im Spiel beobachten, können Sie für die individuelle Förderung nutzen. Notieren Sie sich auffällige Beobachtungen – sie sind oft aussagekräftiger als Testergebnisse.

Häufige Einwände – und was die Praxis zeigt

🤔
„Spielen ist doch kein richtiger Unterricht."

Die Forschung widerspricht: Spielbasiertes Lernen aktiviert das Belohnungssystem und führt zu besserer Wissensspeicherung. Die Kinder lesen 50-80 Wörter pro Runde – mehr als bei manchem Arbeitsblatt.

„Dafür habe ich keine Zeit im Lehrplan."

10-15 Minuten reichen. Nutzen Sie Randzeiten: Stundenende, Vertretung, Freiarbeit. Die investierte Zeit zahlt sich durch höhere Motivation aus.

📊
„Wie bewerte ich das?"

Lesespiele sind Übung, keine Leistungskontrolle. Nutzen Sie die Beobachtungszeit für diagnostische Notizen – die sind oft aussagekräftiger als Tests.

🔊
„Das wird zu laut in der Klasse."

Klare Regeln vorab: Flüsterton beim Spielen, Handzeichen bei Fragen. Nach 2-3 Durchgängen läuft es routiniert ab.

Erfolgsfaktoren aus der Forschung

Die Wirksamkeit von Lesespielen hängt von der Umsetzung ab. Was die Forschung empfiehlt:

  1. Reflexionsphasen einbauen: Kurz besprechen, was gut gelaufen ist, was schwer war
  2. Klare Spielregeln: Weniger Konflikte, mehr Spielfluss
  3. Regelmäßigkeit: Einmalige Spielstunden bringen wenig, Routine ist entscheidend
  4. Kombination mit anderen Methoden: Spiele ergänzen, ersetzen aber nicht den gesamten Leseunterricht

Ihre Checkliste für den Start

Bereit für die erste Spielrunde?

  • Zeitfenster im Stundenplan identifiziert (mind. 15 Min.)
  • Feste 3-4er Gruppen gebildet (heterogen)
  • Spielleiter pro Gruppe bestimmt
  • Spielmaterial bereit (genug Sets für alle Gruppen)
  • Beobachtungskriterien notiert
  • Spielvarianten für Differenzierung vorbereitet
Wortmaumau Kartenspiel
Für Ihre Klasse

Wortmaumau im Unterricht

In 2 Minuten erklärt, selbstständig spielbar, für alle Leseniveaus geeignet. 108 Karten für Jahre im Einsatz.